Die zweitgrößte Insel im Mittelmeer ist ein kleiner Kontinent für sich
Die erste Begegnung findet fast immer im Morgengrauen statt. Nach einer Nacht auf dem Meer werden die Motorengeräusche des Schiffes leiser, es macht spürbar weniger Fahrt. Das Meer wird ruhiger. Die ersten Brisen vom Festland, von den dunklen Bergmassen, Felszungen und Klippen bringen einen warmen Duft von Macchia, von Thymian, Myrte, Rosmarin und vielen anderen aromatischen Kräutern Sardiniens. Dann kommt der Tag. Die Sonne taucht Land und Meer ins mediterrane Licht, anfangs noch mit langen Schatten, das letzte Frösteln der Nacht verfliegt, sie gewinnt Kraft, die Berge bekommen harte Konturen. Sardinien umfasst ein Universum an Steinen in vielen Farben: rot, grün, schwarz, weiß, violett, rosa, silbern und alle nur möglichen Grautöne.
Chi venit da 'e su mare furat - wer über das Meer kommt, ist ein Dieb. Durch die Jahrhunderte sind immer wieder fremde Eroberer gelandet, denn die Steine bergen Reichtümer: Silber, Kupfer, Blei und Gold. Segel am Horizont brachten Angst. Die Sarden zogen sich mehr und mehr in die Berge zurück. Die Küstengebiete, die fruchtbaren Ebenen, die Bergbauregionen gehörten nacheinander den Puniern, Römern, Byzantinern, Pisanern und Genuesen, den Spaniern und schließlich den Italienern vom Festland.
Sind die Touristen nur die letzten Invasoren? Die Erschließung der Küsten, die zuvor meist dürftiges Weideland für die weit landeinwärts gelegenen Dörfer und Weiler abgaben, hat bei vielen Sarden das Gefühl hinterlassen, auch dieses Mal bestohlen worden zu sein. Costa rubata, geraubte Küste, wird die Costa Smeralda genannt. Dabei hat, anders als in den meisten Fällen, das Konsortium des Aga Khan damals anständig gezahlt, weit mehr als die Hirten für die felsige Macchia jemals erwartet hatten. Ins Armenhaus Sardiniens, die Gallura, zogen die Superreichen ein. Die Costa wurde zum Motor für den Fremdenverkehr an den übrigen Küsten Sardiniens, wo zuvor nur die Einheimischen in den heißen Sommermonaten bescheidene Ferien gemacht hatten. Hotels und Feriensiedlungen, nicht immer im Einklang mit Natur und Landschaft, schossen überall aus dem Boden. Neue Orte entstanden an der Küste, wo vorher ein paar Fischerhäuser, ein Sarazenenturm oder auch gar nichts stand. Ein im ersten Boom vielerorts missachtetes Gesetz der Regionalregierung, das Bauen außerhalb von Ortschaften unmittelbar am Meer nur ausnahmsweise zulässt und den freien Zugang aller zum Strand garantiert, hat viel gerettet.
Von Anfang an zog es die Reisenden ins Innere der Insel. Dort gibt es heute noch Ursprünglichkeit, die anderswo touristisch aufgeputzter Folkloredarbietung gewichen ist. Wenn die Sarden feiern, dann tun sie es zuallererst für sich. Noch leben die Hirten in archaischen Lebensformen, von denen wir nicht einmal mehr in den Erzählungen unserer Großeltern hören, allenfalls im Geschichtsbuch lesen. In Sardiniens Bergregionen wohnen sie noch in den mit Reisig und Holzknüppeln gedeckten pinettas, Steinhütten, die wie Miniaturausgaben der Nuraghen aussehen.
Sardiniens Farben wechseln mit den Jahreszeiten. Den langen Sommer über, wenn das Getreide geerntet ist, die Weiden und das Ödland verdorren, ist alles leuchtend gelb, bis auf die schwarzgrünen Flecken von Stein- und Korkeichen und den Macchiabüschen. Im Frühjahr und etwas weniger intensiv im Herbst und Winter blüht alles. Die Myrte, charakteristisch für Küstengebiete, ist über und über mit weißen Blütensternen bedeckt; der Erdbeerbaum zeigt gleichzeitig seine weißen Blütenglöckchen und die leuchtend roten Früchte; die aus Westindien eingeschleppten Opuntien, die »indische Feigen« (fichi d'India) genannten Kakteen, haben vergängliche gelbe Blüten und gelbrote Stachelfrüchte.
Das saubere Meer und die Strände mit ihrer landschaftlichen Vielfalt, das Landesinnere mit der wilden Natur und der archaischen Hirtenzivilisation, den Nuraghen, Feengrotten und Steinsetzungen haben den kleinen Kontinent zu einem Reiseziel für Entdecker werden lassen.