Lebenslust und Sinnlichkeit gedeihen in der multikulturellen Wiege der Toleranz
Wenn sich der Abend über die Gärten des Generalife legt, beginnt die Alhambra zu strahlen wie ein Geschmeide. Die rötlichen Mauern der Alcazaba, deren Tönung sich von Stunde zu Stunde verändert und die den ganzen Tag über das Sonnenlicht speichern, beginnen zu leuchten. Noch sind sie erkennbar, die Gärten ringsum mit Rosen, Palmen und Lorbeerbäumen vor der Kulisse grandioser Berge, die Tore und Patios, der angefressene Backstein der Festungsmauern, die bis zum Exzess getriebene Verfeinerung der Ornamentik in den Palästen. Dann hüllt die Nacht die Pracht ein wie in schwarze Tücher. Die Stadt im Osten Andalusiens vor den blaugrünen Hängen der Sierra Nevada präsentiert sich als Juwel der Baukunst und Schatzkammer einer großen Historie.
Im bergigen Landesinneren zieht die Natur sämtliche Register. Hier begegnen sich Fauna und Flora Europas und Afrikas, leben Luchse, brüten Königsadler, rasten Abertausende Zugvögel, weiden halbwilde Pferde. Wie Schneefelder bedecken weiße Dörfer die Hügel der Sierra. Zwischen dem Meeresspiegel und den 3400 m Gipfelhöhe erstreckt sich eine atemraubende Landschaftsvielfalt: Haarnadelkurven führen in wildromantische Berge. Zwischen Felsen liegen ausgetrocknete Flussbetten voller Kiesel. Hunderte Hektar Sonnenblumenfelder verwandeln sich zur Blütezeit in ein gelbes Meer, die Ölbaumplantagen reichen bis zum Horizont.
In den Bergorten bezaubern kleine, von Orangenbäumen überwucherte Plätze und kühle Bodegas, wo in wappenverzierten Fässern der fino heranreift. Winzige Dörfer hängen wie Adlerhorste an Bergflanken. Eine Kirche, der Dorfplatz, ringsherum weiß gekalkte Häuser gewürfelt. Schwarz gekleidete, alte Frauen, knorrige Männer, fröhliche Kinder. Tritt der Besucher in eine Bar, scheuert der Wirt sofort die Theke blank, stellt Schälchen mit Oliven, calamares und öltriefendem Manchego-Käse darauf, dazu honigfarbenen Wein aus der Palominotraube. Der Fernseher lärmt, auf dem Steinboden liegen Sägespäne, an den Tischen sitzen einfach gekleidete Männer. Die Entdeckung der Langsamkeit, die inzwischen auch Mitteleuropäer beschäftigt, hier ist sie längst vollzogen. Wer heute an die Costa del Sol reist, erlebt nicht nur die Vorteile einer der Perfektion zustrebenden touristischen Infrastruktur, sondern auch manche stille Überraschung.
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