Vielfältige Landschaften, köstliche Gaumenfreuden und eine Industriestadt, die keine ist
Noch bis vor wenigen Jahren schäumte der Strom der Touristen an dieser großen italienischen Region mit geradezu beleidigender Unbeirrbarkeit vorbei. Einer der Gründe für die geringe Bekanntheit des Piemonts im Ausland ist sicher, dass die Region abseits der großen Einfallstraßen nach Italien liegt. »En passant«, auf dem Weg an den Adriastrand oder nach Florenz, kommt man hier nicht vorbei. Man muss sich schon eigens hinbemühen in diesen vermeintlich toten Winkel Italiens, ins Land pedes montium, das zu Füßen der Berge gelegene.
Wie ein großes Halbrund umstehen die Westalpen das Piemont und prägen seine Erscheinung: vom alles überragenden Monte Rosa im Nordosten über den Gran Paradiso bis hin zu den Cottischen und Seealpen im Südwesten. An diese schließt übergangslos der Apennin an, der das Piemont vom Mittelmeer trennt. Eine schon sehr dramatische Kulisse, die den schönsten nur denkbaren Rahmen für das bildet, was das Piemont nach landläufiger Meinung ausmacht: für das endlose, weinbewachsene Hügelmeer des Monferrato, für die sanfte Voralpenlandschaft um Ivrea und Biella, für die von mediterranem Flair umwehten Seen im Nordosten, ja selbst für die große, hingeplättete Poebene. Denn auch der Po, der längste Fluss Italiens, ist ein Kind der piemontesischen Berge; er entspringt unterhalb des Monviso, fließt durch Turin und biegt dann ostwärts in Richtung Lombardei ab.
Turin, die Fast-Millionen-Stadt am Po, ist eine ernsthafte Stadt und entspricht damit ganz dem piemontesischen Charakter: introvertiert, arbeitsam, zurückhaltend und diszipliniert. In Turin dominieren rechtwinklige, wie mit dem Lineal angelegte Straßenzüge, ockerfarbene Bürgerpaläste, lange Kastanien- und Lindenalleen. Erstbesucher fühlen sich durch das Stadtbild meist mehr an Paris als an Rom erinnert, von Neapel ganz zu schweigen. Turin beschert ein völlig neues Italienerlebnis. Turin flirrt und flittert nicht und biedert sich niemandem an. Um Turin zu begreifen, darf man nicht nach vordergründigen Reizen suchen. Man muss durch die kilometerlangen Arkaden spaziert sein, muss den vornehmen, zurückgenommenen Barock seiner Kirchen und Paläste auf sich wirken lassen und mindestens eine Stunde in einem der alten, stuck- und spiegelbesetzten Kaffeehäuser gesessen haben. Dann freilich werden einen die elegante Schönheit und der disziplinierte Geist Turins erobert haben.
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