Zu Besuch in einer jungen Stadt der Lebenslust, einer Metropole mit dörflichem Charme, einer Hauptstadt, die sich für nichts Besonderes hält
Madrid ist das größte Dorf Spaniens, hat ein Radiojournalist über die Stadt gesagt, und er hats nicht böse gemeint. Das Leben in den barrios, den Stadtvierteln, vor allem im alten Madrid hat etwas vom Leben auf dem Dorf. Die Menschen, die in den schmalen Straßen der Altstadt leben, kennen sich, sie grüßen sich, fragen nach dem Befinden des Hundes und kommentieren die letzten Neuigkeiten.
Die Madrilenen trinken ihren Kaffee auf den Bürgersteigen der Gran Vía und schlagen sich die Nächte inmitten des Verkehrs der Castellana um die Ohren. Das Phänomen der abends und sonntags ausgestorbenen Fußgängerzonen kennt die spanische Hauptstadt (3.2 Mio. Einwohner) nicht: Abgesehen davon, dass es an Fußgängerzonen mangelt, lieben die Madrider das Leben auf der Straße, zu jeder Zeit.
Madrid ist übrigens die am höchsten gelegene Hauptstadt Europas (wenn man von San Marino und Andorra absieht), eine Tafel am Sitz der Regionalregierung an der Puerta del Sol zeigt die Meter über Normalnull an: 650,7. Doch ansonsten sehen die Madrider keinen Grund, ihre Stadt für etwas Besonderes zu halten. Sie hat ja noch nicht einmal ein richtiges Wahrzeichen. Madrid ist trotz ihrer langen Geschichte eine junge Stadt: Mitte des 9. Jhs. von Arabern gegründet, die damals große Teile der Iberischen Halbinsel beherrschten, erlangte sie erst im 16. Jh. politische Bedeutung und wuchs erst im späten 20. Jh. zur Weltstadt heran. Ihre beste Zeit erlebt sie gerade jetzt, als wohlhabende Hauptstadt eines Landes, das sich endlich dem Rest Europas geöffnet hat.
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