Französisches Savoir-vivre und alemannische Gemütlichkeit: Im Elsass sind Sie in der Fremde und doch zu Hause
Das Zitat fehlt in praktisch keinem Reiseführer: »Welch ein schöner Garten«, soll der Sonnenkönig Ludwig XIV. ausgerufen haben, als er vor mehr als 300 Jahren erstmals das Elsass erblickte. Doch aktuell ist es immer noch, denn das Elsass hat tatsächlich jede Menge beeindruckender und vor allem abwechslungsreicher Landschaft zu bieten: Die Vogesen präsentieren sich im Norden als typisches Mittelgebirge mit sanften, bewaldeten Hügeln und romantischen Tälern - ideal für Radtouren und geruhsame Spaziergänge. Im Süden erinnern sie mit ihren wilden, manchmal schroffen Gipfeln, den kargen, teilweise mit Blaubeeren bewachsenen Hochweiden und den eiskalten Bergseen schon fast an die Alpen, deren Umrisse man bei klarem Wetter erahnen kann. Hier finden auch sportliche Wanderer und Kletterer ihre Herausforderungen.
Zum Rhein hin wird die Landschaft lieblicher, zwischen Weinbergen liegen blumengeschmückte Dörfer mit Fachwerkhäusern und alten Brunnen - praktisch jedes eine Postkartenidylle. Der Rhein ist zwar auch im Elsass weit gehend begradigt, doch wurden, nicht zuletzt dank dem Druck von Umweltschützern, einige der typischen Auenwälder entlang des Flusses gerettet. Diese Feuchtgebiete, die bei Hochwasser regelmäßig überflutet werden, sind ein idealer Lebensraum für seltene Pflanzen, etwa Orchideen und Schlinggewächse, und vom Aussterben bedrohte Tiere. In den Altarmen des Rheins können Spaziergänger noch Biber beim Dämmebauen beobachten, und in einigen Nebenflüsschen wurden mit Erfolg Fischotter wieder angesiedelt.
Lohnend ist ein Elsassurlaub aber auch für kulturell Interessierte: Zahlreiche imposante Burgen und Burgruinen, Orte mit mittelalterlichem Stadtkern, sehenswerte Kirchen und Museen zeugen von der reichen Vergangenheit der Region zwischen Rhein und Vogesen. Und schließlich kann sich das Elsass rühmen, die französische Region mit dem dichtesten Netz von - im doppelten Sinn des Wortes - ausgezeichneten Feinschmeckertempeln zu sein. Viele der Sternerestaurants verbinden die reiche Tradition der klassischen französischen Küche mit regionalen Einflüssen - ein Erlebnis für Gourmets. Aber auch in einfacheren Gasthäusern - in den typischen Weinstuben etwa oder in den rustikalen fermes auberges, den bewirtschafteten Bauernhöfen in den Vogesen - können Sie oft gut, meistens authentisch und praktisch immer reichhaltig essen. Und mit Spätzle, Leberklößchen und Sauerkrautplatten wird dabei häufig aufgetischt, was zu den Lieblingsspeisen gerade der Deutschen gehört.
Überhaupt ist für Deutsche (und Schweizer) vieles vertraut. Das fängt schon mit der Sprache an, dem Elsässischen, einem alemannisch-moselfränkisch geprägten Dialekt des Deutschen. Da verstehen die ansonsten so ordnungsliebenden und gesetzestreuen Elsässer übrigens keinen Spaß. Die allabendliche halbstündige Regionalsendung auf Elsässisch (mit französischen Untertiteln für zugereiste Franzosen) hat ebenso viele Zuschauer wie die französischsprachigen Nachrichten. Und immerhin jedes zweite Kind im Elsass lernt in der Grundschule Deutsch.
Deutsche Urlauber kommen vor allem im Nordelsass, wo der Dialekt noch am lebendigsten ist, ohne Französischkenntnisse aus. Auch in den Städten findet sich fast immer jemand, der Deutsch spricht. Das Auftreten verlangt allerdings etwas Fingerspitzengefühl: Schließlich haben die Elsässer nicht nur gute Erfahrungen mit ihren rechtsrheinischen Nachbarn gemacht, die ja nicht immer als Touristen kamen, sondern ab und zu auch als Besatzer.
Die Sprachenfrage spiegelt die paradoxe Geschichte des Elsass wider - und die Eigenart seiner Bewohner. Sie werden in »Innerfrankreich«, wie man hier den Rest des Landes nennt, zwar wegen ihrer Tüchtigkeit geschätzt, oft aber auch wegen ihres Akzents und einer angeblich »typisch germanischen« Liebe zu Ordnung und Disziplin gehänselt. Doch trotz manch ungewollter Periode unter deutscher Herrschaft haben sich die Elsässer ihre französische Lebenskunst nicht nehmen lassen. Und dazu gehört nun mal das gute Essen.
Das Elsass hat freilich mehr zu bieten als Gaumenfreuden: romantische Winzerdörfer entlang der Weinstraße, trutzige Burgen, romanische und gotische Kirchen, liebliche Rheinauen, abgelegene Täler und den herben Charme der Hochvogesen. Die pittoresken mittelalterlichen Stadtkerne von Colmar und Straßburg gehören zu den touristischen Highlights. Doch zahlreiche andere Orte lohnen den Besuch ebenso - Wissembourg und Saverne etwa, die Winzerorte Barr und Ammerschwihr oder das Städtchen Guebwiller, um nur einige zu nennen.
Das Elsass erstreckt sich über eine Länge von 180 km, zwischen Rhein und Vogesen liegen 40 bis 50 km. Der höchste Punkt der Vogesen ist mit 1424 m der Grand Ballon. Das Mittelgebirge bildet auch eine Barriere für die aus Westen vom Atlantik heranziehenden Regenwolken - Colmar ist eine der trockensten Städte Frankreichs.
1,6 Mio. Menschen wohnen im Elsass, ein Viertel davon im Raum Straßburg, 220 000 in der Industriestadt Mulhouse, drittgrößte Stadt ist Colmar mit 83 000 Ew. Gemessen am Bruttosozialprodukt ist das Elsass zwar immer noch eine der reichsten Regionen in Frankreich - doch stieg die Arbeitslosenquote seit 2002 überdurchschnittlich auf über acht Prozent und liegt nur noch zwei Prozent unter dem Landesdurchschnitt. Einer der Gründe ist die Krise in Deutschland: Das Elsass ist wirtschaftlich stark von seinen rechtsrheinischen Nachbarn abhängig. Viele deutsche Unternehmen haben in letzter Zeit ihre Niederlassungen im Elsass verkleinert oder ganz geschlossen. Noch pendeln zwar an die 60 000 Elsässer zur Arbeit nach Deutschland und in die Schweiz, doch sind auch deren Arbeitsplätze nicht mehr so sicher wie noch vor einigen Jahren.
Eine Grenzregion war das Elsass schon während der über vier Jahrhunderte dauernden Besatzung durch die Römer, die 58 v. Chr. begann: Wegen der Frontnähe zu den germanischen Barbaren verzichteten die Römer auf große Bauwerke. Dafür führten sie den Weinbau ein, wovon Einheimische und Besucher noch heute profitieren - und womit wir schon wieder beim Thema leibliche Genüsse sind. Doch dass es neben Riesling, Sauerkraut und Flammekueche noch weit mehr Gründe gibt zu sagen: »Entdecken Sie das Elsass!« - davon möchte Sie dieser Reiseführer überzeugen.
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